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Eine Rückschau auf den 8. März 2025: Zwischen Symbolik und notwendiger Verantwortung

1. Darf ich als Mann diese Frage überhaupt stellen?

Ich bin ein Mann. Ist es überhaupt meine Aufgabe, über den Weltfrauentag zu diskutieren? Habe ich das Recht, mich zu fragen, ob dieser Tag notwendig ist oder nicht? Schließlich betrifft er in erster Linie Frauen – wäre es nicht anmaßend, als Mann über die Bedeutung eines Tages zu sprechen, der die Rechte und Errungenschaften von Frauen feiern soll?

Vielleicht. Aber genau darin liegt der Punkt: Es wäre bequem, sich aus der Diskussion herauszuhalten. Zu sagen: „Das ist nicht meine Baustelle.“ Aber das wäre falsch. Denn Frauenrechte sind nicht nur Frauenrechte – sie sind Menschenrechte. Und als Männer haben wir eine Verantwortung, diese Rechte nicht nur anzuerkennen, sondern sie aktiv zu verteidigen.

Wir sind in Deutschland, in Europa, in einer privilegierten Position. Hier sind Frauenrechte gesetzlich verankert, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht bedroht sind. Wenn wir uns umsehen – sei es in den USA, wo Frauen um ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung kämpfen müssen, in der Türkei, wo Demonstrationen zum Weltfrauentag verboten wurden, oder in Afghanistan, wo Frauen systematisch aus der Gesellschaft verdrängt werden – dann sehen wir, wie schnell sich Dinge ändern können.

Deshalb sage ich: Ja, wir Männer haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, diese Diskussion zu führen. Wir müssen uns fragen:

  • Reicht ein einzelner Tag, um für Gleichberechtigung zu kämpfen?
  • Oder braucht es weit mehr als eine symbolische Anerkennung?
  • Und vor allem: Was können wir tun, um sicherzustellen, dass Fortschritt nicht rückgängig gemacht wird?

2. Blumen sind schön – aber Verantwortung ist wichtiger

Es gibt nichts Schlechtes daran, am 8. März Blumen zu schenken. Wenn eine Frau sich darüber freut, ist das völlig in Ordnung. Aber das Problem beginnt dort, wo solche Gesten zu einer Art „Ablasshandel“ werden – nach dem Motto: „Hier sind deine Blumen, jetzt reden wir ein Jahr lang nicht mehr über Gleichberechtigung.“

Denn während Männer Blumen schenken, haben Frauen immer noch

  • im Schnitt geringere Löhne,
  • die Hauptlast der unbezahlten Care-Arbeit,
  • schlechtere Karrierechancen in Führungspositionen,
  • und müssen sich mit Alltagssexismus und Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen.

Es ist absurd, dass Unternehmen zum Frauentag Rabatte auf Kosmetikprodukte anbieten, während sie in den eigenen Chefetagen kaum Frauen haben. Dass Politiker Statements posten, aber sich gegen Gesetze stemmen, die Frauen tatsächlich schützen würden.

Ein Frauentag ohne strukturelle Veränderung ist wie ein Feuerwerk: laut, bunt – und am nächsten Tag vergessen.

3. Die Rückkehr des Machismo: Warum Frauenrechte nicht selbstverständlich sind

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Frauenrechte immer unter Druck stehen. Sie sind keine Selbstverständlichkeit – sie existieren nur, weil Menschen für sie gekämpft haben. Und sie verschwinden, wenn niemand sie verteidigt.

  • USA: In mehreren Bundesstaaten ist Abtreibung inzwischen faktisch verboten. Frauen, die Fehlgeburten erleiden, werden kriminalisiert. Der Kampf um Selbstbestimmung wird immer härter – und mit ihm die gesellschaftliche Spaltung.
  • Türkei: Am 8. März 2025 wurden Demonstrationen zum Weltfrauentag verboten, offiziell mit der Begründung, sie könnten die öffentliche Ordnung stören. Diese Entscheidung zeigt, wie Regierungen versuchen, Frauenrechte zu unterdrücken, indem sie den öffentlichen Protest kriminalisieren.
  • Afghanistan: Die Taliban haben in kürzester Zeit alle Frauenrechte abgeschafft. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, nicht mehr studieren, nicht mehr allein reisen. Wer sich widersetzt, riskiert Gewalt oder den Tod.
  • Deutschland: Auch hier sind subtile Formen der Marginalisierung sichtbar. Ein aktuelles Beispiel ist ein Foto aus dem Kanzleramt, das in sozialen Medien für Diskussionen sorgte: Vier Männer, darunter Olaf Scholz und Friedrich Merz, sitzen im angeregten Gespräch, während die SPD-Vorsitzende Saskia Esken am Rand platziert ist. Dieses Bild wirft Fragen zur Gleichstellung und Wahrnehmung von Frauen in Führungspositionen auf.

Diese Beispiele zeigen, dass Frauenrechte nie „fertig“ sind. Es gibt keinen Punkt, an dem wir sagen können: „So, jetzt ist Gleichberechtigung erreicht.“ Es gibt nur zwei Optionen: Weiterkämpfen – oder zusehen, wie die Uhr zurückgedreht wird.

4. Was Männer wirklich tun können

Der Frauentag kann ein guter Anlass sein, um über das eigene Verhalten nachzudenken. Aber es darf nicht bei Symbolik bleiben.

Konkret können wir Männer:

  • Unsere eigenen Denkmuster reflektieren: Behandeln wir Frauen in Diskussionen, Meetings oder im Alltag wirklich gleich?
  • Uns einmischen: Wenn Frauen unterbrochen oder übergangen werden – dagegenhalten.
  • Politisch Verantwortung übernehmen: Frauenrechte sind keine Nebensache. Wer schweigt, macht sich mitschuldig.
  • Aktiv zuhören: Frauen wissen selbst am besten, was sie brauchen. Es geht nicht darum, für sie zu sprechen, sondern zuzuhören und mit ihnen zu kämpfen.

5. Fazit: Tag der Frauenrechte oder Tag der Verantwortung?

Ich glaube, der Weltfrauentag sollte bleiben. Aber nicht als Alibi, sondern als Weckruf.

  • Männer sollten diesen Tag nutzen, um über ihr eigenes Verhalten nachzudenken.
  • Unternehmen sollten nicht nur Gratiskaffee verteilen, sondern ihre Gehaltsstrukturen überprüfen.
  • Politiker sollten nicht nur Statements posten, sondern Gesetze für Gleichberechtigung vorantreiben.

Kurz gesagt: Der 8. März sollte kein Ritual sein. Er sollte ein Startpunkt sein – für Männer, sich aktiv für eine gerechtere Welt einzusetzen.

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